Montag, 23. Juli 2012

Der Mann mit der Bank

03-heiner wolken ganz klein

von Heiner Wolken

Ein Tag im Leben eines Sportphysiotherapeuten einer Lateinformation

Heiner-Wolken-01

Dieser Beitrag soll beschreiben, wie ein Betreuer einer Formation ein Turnierwochenende verbringt. Es ist ein beliebiger Freitag vor einem Turnierwochenende.

"Ich bin zu Hause und plane schon mal im Kopf, was ich packen muss. „Hab ich noch genügend Verbandmaterial, Tape etc.? Welche Klamotten brauche ich?“ Und so weiter… Also Sachen packen, Sackkarre raus, Massagebank zusammenklappen, Eis-Box füllen und alles ins Auto verfrachten. „Hab’ ich wirklich alles?“ … Jetzt schnell zum Busunternehmer, denn da kann ich mein Auto besser abstellen und muss nicht so weit schleppen. Okay, dann muss ich auch eine dreiviertel Stunde vor der eigentlichen Abfahrt des Teams da sein, aber es ist einfach besser. Nachdem der Busfahrer und ich noch einen Kaffee getrunken haben, geht es los (eine Tänzerin hatte die gleiche Idee, einen Tänzer laden wir unterwegs noch ein).

Am ZOB angekommen, wartet das Team schon und stürmt den Bus (der Stress beginnt!). Verpflegung wird verstaut und die Koffer werden eingeladen. Einige der jungen Leute kommen natürlich etwas später. Die Begründung: „Wir fahren ja immer so spät los.“ Nachdem nun auch die letzten alles verladen haben, geht es los. Kaum rollt der Bus, schon machen sich die Tänzer über die Verpflegung her. Ich werde es nie verstehen … nach fünf Meter Busfahrt schon so einen Hunger. Der Busfahrer bittet darum, dass man ihm doch ein bisschen Käse zurücklegen möge. Ab auf die Autobahn, die Businsassen haben sich etwas beruhigt, da gibt es schon die nächste Diskussion. Welcher Film wird gesehen? Entweder Zeichentrick oder Tanzfilm. Der Trainer entscheidet … meistens!

So, Film ab, einige schlafen mittlerweile, da meldet sich auch schon der erste Patient. Ein kleines Problem mit der Schulter. Auf die Frage, wie lange das Problem denn schon besteht, erhalte ich die Antwort: „Seit etwa drei Wochen.“ Ich schimpfe ein bisschen und massiere die Schulter im Sitzen. Zwischendurch meldet sich die eine oder andere, um einen Termin zur Massage im Hotel mit mir zu vereinbaren. Es hat sich als günstig erwiesen, die Damen am Freitag zu behandeln, da am Samstag zu wenig Zeit ist. Die Herren sind dann am Turniertag dran. Der Film ist noch nicht ganz zu Ende, da haben wir auch schon unsere Pausenraststätte erreicht. 20 Minuten Pause. Aus 20 werden ziemlich schnell 30, aber egal. Aufregen lohnt sich nicht. Es ist schon ein Fortschritt, dass keine der Tänzerinnen mal eben Duschen gegangen ist (in der Truckerdusche). Kein Spruch, alles schon da gewesen.

Weiter in Richtung Hotel. Dort angekommen, stürmt die Horde das Foyer, alle wollen so schnell wie möglich einen Zimmerschlüssel. Kurze Diskussion … alles klar. Auch ich habe meinen Zimmerschlüssel und begebe mich sofort dorthin. Tasche in die Ecke, Massagebank aufstellen, Fernseher an, … jetzt kann die erste kommen, um sich behandeln zu lassen. Aber erst muss ich noch die Eis-Box in die Tiefkühlung geben, sonst hab’ ich am nächsten Tag kein Eis. Drei bis sieben Behandlungen folgen, um ca. 00.00Uhr gehe ich zum Abschluss an die Hotelbar und trinke noch eine Kleinigkeit. Dann ab ins Bett.

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Samstagmorgen - der Tag des Turniers. Aufstehen, duschen, frühstücken, dann geht’s wieder los. Ich gehe durch die Zimmer um zu sehen, ob irgendjemand meiner Hilfe bedarf. Wenn jetzt keiner etwas sagt, geh’ ich noch einen Kaffee trinken. Aber irgendwas kommt immer, hier eine Kopfschmerztablette, da etwas gegen Halsschmerzen usw. Gegen Mittag geht es zur Turnierhalle, das gleiche Procedere wie immer. Nach und nach schnappt sich jeder seine Sachen und bezieht die Kabine. Ich suche meistens den Duschraum auf, denn da hab ich am meisten Platz zum Arbeiten. Kaum hab ich die Bank aufgebaut, kommt auch schon der oder die erste. „Heiner? Kannst du Dir mal mein Knie anschauen? Ich hab da an der Innenseite einen Schmerz“ Ich sehe auf das Knie und sage:“ Das kenn’ ich! Hab ich auch schon mal gehabt.“ Dann wende ich mich ab. Das verdutzte Gesicht des Tänzers ist immer wieder schön. Ich behandele sein Knie natürlich sofort, klar oder? So, Knie wieder heile, weiter geht`s. Jetzt erst mal kurz orientieren, wo ist der Arzt/Sanitäter. Kann ja mal wichtig sein. Wo bekommt man einen Kaffee usw. Die Tänzer orten schon mal die Fläche und ich laufe so durch die Gegend. Hier ein Hallo, dort ein kurzer Plausch unter Kollegen (wenn einer da ist). Jetzt beginnen die Damen der Mannschaft mit dem Schminken. Einige haben schon vorgearbeitet und sind schon beim Feintuning, andere haben die Ruhe weg. Irgendwie schaffen es alle, rechtzeitig fertig zu werden. Eines der altgedienten Teammitglieder kommt zu mir, um sich nochmal locker machen zu lassen, er hat zwar keine Schmerzen, aber so ein festes Gefühl. Er legt sich hin und ich führe eine kleine Lockerungsmassage durch. Danach fühlt er sich wohl und ich schau’ mal, ob der Kaffee vom GGC-Cateringteam schon fertig ist. Jo, fertig. Also eine Kleinigkeit essen und einen Kaffee. Die Catering-Dame fragt mich zwischendurch, ob ich denn wieder so ein Mettwurstbrötchen haben möchte. Gerne nehme ich das Angebot an. Sie bereitet es vor und legt es zum späteren Verzehr bereit.

Jetzt aber schnell, die Mannschaft hat bereits mit dem Warm-Up begonnen. Die GGC–eigene Salsa-Aufwärm-Choreographie hat sich bewährt und wird konzentriert durgeführt. Ich sehe mir die Gesichter und die Bewegungen an und mustere jeden. Es könnte ja sein, dass irgendeiner ein Problemchen hat, von dem er/sie nichts gesagt hat. Jetzt kann ich noch etwas machen. Warm machen vorbei, alle ziehen ihre Tanzschuhe an, einige führen kleine Rituale durch und ich gehe mit etwas Tigerbalm und japanischen Heilpflanzenöl zum Team. Dies dient dem besseren Atmen auf der Fläche und wird von fast jedem gerne angenommen.

Bei der nun folgenden Stellprobe habe ich eigentlich nur die Aufgabe, auf Notfälle zu reagieren, ich werde auch gerne mal als Klamottenständer
oder Bodyguard für Wasserflaschen missbraucht. Was tut man nicht alles. Wenn die Probe gelaufen ist, gehen die Tänzer mehr oder weniger erschöpft zurück in die Kabine oder an die frische Luft. Hier muss ich ständig darauf achten, dass sie sich etwas überziehen und etwas trinken. Jetzt hat das Team die Gelegenheit, auch etwas zu essen, ich auch. Immer wieder kommt jemand zu mir, um sich eine Behandlung zu holen. Meistens sind es nur kleinere Probleme, die ich gut behandeln kann. Es folgt irgendwann eine Stellprobenanalyse, hier versuche ich immer teilzunehmen, denn auch hier kann ich in den Gesichtern viel sehen, außerdem ist es für mich wichtig, ein Teil des Teams zu sein. In der Halle hat der Einlass der Zuschauer begonnen, gleich beginnt die Vorrunde.

Das Team bereitet sich weiter vor. Jetzt wird’s wieder Zeit, die erste Mannschaft ist auf der Fläche. Also, warm machen, ich verteile wieder etwas für die bessere Atemluft. Noch mal sehen, ob alles gut ist und dann suche ich mir einen Platz irgendwo auf der Tribüne. Jetzt beginnt die wohl schlimmste Zeit für mich. Mein Herz rast, der Blutdruck steigt ins Unermessliche … ich kann jetzt nichts mehr machen.

Die Musik beginnt und die Mannschaft tanzt eine solide Vorrunde, also alles okay, besser geht immer. Beim Ausmarsch sehe ich zu, dass ich am Ende in der Nähe der Fläche bin, falls irgendetwas passiert ist. Nach dem Durchgang folgt das gleiche Procedere wie bei der Stellprobe, nur dass jetzt schon mal einer/eine weinend in der Ecke sitzt, weil irgendetwas nicht geklappt hat. Im Normalfall werden solche Tiefpunkte sehr gut vom Team getragen, manchmal kommt von mir sowas wie: „Denk dran, wenn man weint, bedeutet das auch mehr trinken, wegen der Elektrolyte.“ Schwups hab ich wieder ein Lächeln im Gesicht. Okay, manchmal werde ich nach solchen Sprüchen auch angefaucht, aber trotzdem gut, es ist eine Ablenkung. Es folgt das Nachschminken, Analyse des Durchgangs und die Marschroute für das Finale wird ausgegeben. Einer Dame ist ein bisschen schwindelig, sie hyperventiliert immer gerne mal. Sie legt sich auf meine Massagebank und ich beruhige sie. Nach kurzer Zeit geht es dann wieder. So, noch zwei bis drei Massagen, einmal Eis und ein Kinesio-Tape, dann geht`s auch schon wieder zum Warmmachen. Die Mannschaft macht einen positiven Eindruck, sie sehen alle sehr entspannt und sicher aus. Ich gebe ihnen wieder Heilpflanzenöl und Tiger-Balm, dann folgt das Finale. Diese Zeiten ohne Mannschaft und ohne etwas machen zu können sind schrecklich, irgendwie hilflos. Das ist das Helfersyndrom das in mir steckt. Einmarsch, Bodenpiru, Roundabout, Lankenau - alles super mit Energie und Präzision. Wieder runter zum Team, alle warten nun gespannt auf das Ergebnis. Die Wertungsrichter kommen auf die Fläche, und schon kommt die Wertung für meine Mannschaft. ALLE EINSEN!!!!!

Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Alle liegen sich in den Armen, die Schminke zerläuft und findet sich auf den weißen Jacken wieder, egal. Der Tag hat einen Sieg gebracht. Zur Siegerehrung lasse ich es mir nicht nehmen, mit der Mannschaft auf die Fläche zu gehen, es ist einfach ein Super-Gefühl, ein Teilchen einer erfolgreichen Formation zu sein.

Es folgt, duschen, Styling für die Party und Kabine aufräumen. Dann ab zur Party. Mein Team ist zwar meistens sehr spät dran, aber ist auch meistens sofort in der Lage, die Party zu beherrschen. Sie können tanzen und feiern und das nicht zu knapp. Irgendwann fährt dann der Bus in Richtung Heimat, alle pennen in allen möglichen Positionen, nur ich kann irgendwie nicht schlafen. Also massiere ich der Trainerin die Füße, sie findet es genial und ich hab keine Langeweile. Am ZOB in Bremen angekommen leert sich der Bus ziemlich schnell und es wird auch immer gern mal etwas vergessen. Diese Kinder … ! Weiter geht`s, ab zum Betriebshof des Busunternehmers, Klamotten, Kissen, Tasche und natürlich die Sackkarre im eigenen PKW verstauen, kurz verabschieden und ab nach Hause. Dort angekommen, setzte ich mich in mein Wohnzimmer und trinke noch ein gepflegtes Gläschen. Eigentlich egal was, einfach nur die Eindrücke verarbeiten und runterkommen.

Dies ist nur eine kleine Beschreibung, ich könnte noch einiges an Anekdoten erzählen, aber das würde sicherlich zu weit führen ... "

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Heiner Wolken
geb. 24.03.1963 in Bremen, DOSB Sportphysiotherapeut,
seit 1999 Betreuer der GGC-Kaderformationen,
seit 2011 Sportphysiotherapeut des Bundesstützpunktes
der Rhythmischen Sportgymnastik Bremen, seit 2012
Betreuer der DTV-Kaderathleten bei internationalen Meisterschaften

Dieser Bericht entstammt der Ausgabe 01/2012 des Tanzmagazins “Dance Stars”
>>> Hier der Direktlink zum Bericht in der Online-Ausgabe!

Auch im “Weser-Kurier” gab es einen Bericht über die Arbeit von Heiner Wolken!
>>> Hier der Direktlink zum Artikel im Weser-Kurier vom 07.05.2012

 

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