Sonntag, 15. Juli 2012

Warum man tanzt! (1)

von Roberto Albanese
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"Warum man tanzt - Motivation - Inspiration"
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Bianka Orschitt, ehemals Schreiberin, Weltmeisterin bei den Amateuren und Profis und Ihre Gedanken zum Tanzen und Ihrer Karriere. Schöner kann man seine Liebe zum Tanzen nicht beschreiben und für jeden jungen Tänzer lesenswert zu verstehen, warum man tanzt und seinem Tanz einen Sinn zu geben. Hier ist ihr Text:.

Motivation - Inspiration
von Bianka Orschitt:
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"Was einen Menschen motiviert kann bekanntlich sehr unterschiedlich sein. Da mein Selbstbewusstsein als junges Mädchen, Ruckblickend gesehen, nicht sonderlich ausgeprägt war, viel es mir von Zeit zu Zeit schwer, motiviert zu bleiben sobald ich Kritik als zu negativ empfand. Der Druck, zu Versagen nahm dann überhand und der Spaß an der Bewegung ging mir verloren. Ich denke, aus diesem Grunde, war für mich eine positiv formulierte Kritik motivierender. Das Gefühl, es bald schaffen zu können war für mich wichtig.
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Dabei ging es bei meiner persönlichen Kritik meist nie um technische Fähigkeiten sondern eher um die Fähigkeit des „Loslassens“ oder um das Erzielen des perfekten Körpergewichtes. Letzteres scheint mir bei der jetzigen Generationen der Damen kein Problem mehr zu sein. Gott sei Dank waren zu meiner Zeit die Hüften der Ladies noch etwas runder sonst hätte ich auf mein Selbstbewusstsein wahrscheinlich noch lange warten müssen. ;-)
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Meinem eigenen Empfinden nach, erlangte ich die Fähigkeit des Loslassen erst im letzten Jahr unserer Karriere. Im nach hinein fuchst es mich zwar ein wenig, dass ich meinen Tanz nicht früher hatte genießen können. Aber - wie sagt man so schön? Besser spät als nie. Dieses Gefühl des Glücks, mit der Musik und dem Partner eins zu sein möchte ich nicht missen. Ich glaube in diesen Momenten ist man auch eins mit seiner Seele.
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Technische Disziplin war nie mein Problem. Ich halte mich selbst für eine Perfektionistin. Wenn ich mich dazu entscheide etwas zu tun, gebe ich immer 100 %. (Manchmal übertreibe ich es auch.) Technik - soviel ist mir heute klar - ist ein wichtiges Hilfsmittel um die vielfachen Facetten der eigenen Persönlichkeit und die der verschiedenen Charaktere der lateinamerikanischen Tänze zu portieren. Sie ist aber auch nicht mehr als das. Ich glaube nicht, dass Wertungsrichter in höheren Klassen die eigentliche Technik bewerten. Bei unteren Klasse halte ich genau dies allerdings für notwendig, da sich sonst Bewegungsqualität nur sehr schwer durchsetzen kann.
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Eine Persönlichkeit kann vielschichtig sein. Mir selbst ist dies erst spät klar geworden. Lange habe ich mich nicht getraut in Rollen zu schlüpfen von denen ich dachte, dass ich „das nicht bin“. Heute weiß ich, dass ich ALLES sein kann. Im Tanzen und auch im „normalen“ Leben. Wie ich mich ausdrücke hängt einfach nur davon ab für welchen Teil meines Wesens ich mich entscheide. Alles im Leben ist (m)eine Entscheidung.
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Bewegungs-Technik als Hilfsmittel zum Ausdruck oder gar Charisma ist inzwischen für mich das A und O für einen Tänzer der Turniersport betreibt. Da es für einen Turniertänzer wichtig ist, genau zum richtigen Zeitpunkt eine starke Darbietung abzuliefern wäre es fatal, wenn man sich nur auf sein Gefühl verlassen könnte. Was passiert wenn sich das Gefühl am Tag der Meisterschaft einfach nicht einstellen will? Das Feld den anderen überlassen?
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Ich kenne einige „geniale“ Tänzer die nie das oberste Treppchen erreicht haben, da sie sich meiner Meinung nach zu sehr auf ihr Gefühl und „die Kunst“ verlassen haben. Einige von ihnen sagen dann, dass ihnen das Ergebnis gar nicht so wichtig war. Ob man dieser Aussage glauben schenken will sei dahin gestellt. Wichtig ist Richtigkeit dieser Aussage sowieso nur für den jeweils Betroffenen.
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Meine größte Motivation erfuhr ich als ich das erste mal die für mich „perfekte Bewegung“ und damit meine ich auch das dazugehörige Gefühl erlebt hatte. Seit diesem Tag war meine Motivation, dieses soeben gefühlte zu wiederholen. Nun verstand ich den Ausdruck „die perfekte Welle“ gut. Ein uns allen bekannter Trainer, Donnie Burns, sagte einmal zu mir in einer Privatstunde als ich unzufrieden mit unserer Performance war da ich dieses Gefühl nicht zurückholen konnte: „I know - once you‘ve tasted the candy...“ Es war mir zwar in dieser Stunde nicht mehr gelungen, meinen Frust zu überwinden und meine Seele zu befriedigen aber zumindest fühlte ich mich verstanden. Ich wollte mich mit nichts anderem mehr zufrieden geben, als genau diesem „Geschmack des Bonbons“. Dafür kämpfte ich - bis zuletzt!
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Glücklich kann sich derjenige schätzen, der außer Motivation eine Inspiration fühlt. Inspiration hat für mich, wie der Name schon sagt, etwas spirituelles. Ich bin davon überzeugt, dass sich jeder Mensch, bevor er hier auf die Erde kommt eine Aufgabe - und damit eine „Gabe“ - erwählt. Nach der Geburt gilt es dann, sich dieser Gabe zu erinnern.
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Kinder haben noch guten Kontakt zu Spirituellem oder man könnte auch sagen, zu ihrer Seele. Kinder scheren sich nicht darum, ob ein Wunsch oder ein Vorhaben Sinn macht. „Sinn machen“ steht hier für sich auszahlen, Vorteile bringen. Üblicherweise halten wir Menschen etwas für sinnvoll, wenn es uns Geld, Macht, Ruhm oder einfach nur Sicherheit bringt. Kinder tun und denken das, was sie fühlen. Dass es natürlich viel mehr „Sinn macht“ seinem Innersten zu folgen, weil es uns glücklich macht, ist dem Erwachsenen im Laufe der Jahre oft entfallen. Zu sehr sind wir in Überzeugungen gefangen, die vielleicht gar nicht unsere eigenen Überzeugungen sind. In der Regel bekommt man als Kind die Überzeugungen der Erwachsenen gelehrt. Und ehe man sich versieht ist man davon überzeugt, dass diese Überzeugungen unsere eigenen seien. Leider bleibt dann die hungrige Seele unbeachtet. Ich bin fest davon überzeugt, dass wirklich glückliche, erfolgreiche Menschen ihre eigentliche Bestimmung wieder gefunden haben und sie auch ausüben.
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Heute weiß ich, dass der Tanz meine Bestimmung ist. Komischer Weise ist mir dies erst in den letzten Jahren bewusst geworden. Wohlgemerkt in den von heute aus gesehen, letzten Jahren. Also lange nachdem meine aktive Karriere beendet war. Früher dachte ich eigentlich immer, ich sei keine „echte Tänzerin“. Ich fühlte mich neben anderen Tänzerinnen immer zu „normal“. Viel zu wenig extrovertiert, zu wenig ausgeflippt.
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Als meine Karriere beendet war fühlte ich mich „erleichtert“ . Von nun an wollte ich Ehefrau und Mutter werden. Die Ehefrau eines Nicht-Tänzers wohlgemerkt. Eine Zeit lang war ich sehr glücklich und zufrieden. Ich unterrichtete nach wie vor sehr viel und auf der ganzen Welt. Ein Jahr lang tanzten wir noch Shows. Ich verdiente mein eigenes Geld und alles lief nach meinen Vorstellungen. Ich wollte gerne meinen wunderbaren Mann heiraten und tat dies auch. Ich wünschte mir 2 Kinder - ein Junge und ein Mädchen - wurde schwanger und bekam zwei unglaubliche Kinder. Ich wünschte mir ein Haus - und wir bauten dieses Haus. Ich war sehr beschäftigt und wunschlos glücklich.
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Bis ich begann mich zu langweilen. Mir fehlte etwas im Leben. Ich wusste nur nicht genau was. Mein eigenes Geld hätte ich gerne wieder verdient - auch wenn mein Mann äußerst großzügig und fair war und immer noch ist. Aber das war nicht alles. Nachdem ich eine Weile in meinem Innersten gesucht hatte, kam ich zu dem Entschluss, dass mir die Leidenschaft fehlte. So lange ich eine Aufgabe hatte für die ich mich „aufgeben“ konnte war ich zufrieden. Kinder bekommen ist eine wirklich große und wunderbare Aufgabe. Das wird es auch noch lange bleiben aber als unsere Kinder geboren und das Haus gebaut war wurde es mir langweilig.
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Als die Kinder ein wenig größer wurden hatte ich hin und wieder die Möglichkeit, zu unterrichten. Ich stellte fest, dass ich während meines Unterrichts fröhlich und zufrieden war. Und obwohl es sehr anstrengend war für 2 Kinder rund um die Uhr zu sorgen und dazwischen noch zu unterrichten - Tanzunterricht empfand ich nicht als Arbeit. Selbst nach 10 Stunden war ich eigentlich nicht müde. Im Gegenteil - ich war zufrieden! Und meine Aufgaben zu Hause gingen auch leichter von der Hand. Ich hatte wieder Abwechslung. Trotzdem saß ich lange Zeit zwischen 2 Stühlen. Ich wollte für meine Kinder da sein solange sie klein waren. Aber meine innere Stimme ließ nicht locker.
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Nun unterrichte ich wieder und finde es wunderbar. Ich liebe die Herausforderung jemanden sichtbar zu verbessern. Nach 45 Minuten möchte ich nach Möglichkeit ein Ergebnis sehen. Wenn ich das erreiche bin ich stolz und glücklich. Wenn ich die Chance bekomme, ein Paar eine Weile auf Ihrem Weg zu begleiten, reizt es mich, etwas zu schaffen. Ich liebe den Ausdruck im Gesicht eines Tänzers wenn er beginnt zu verstehen. Wenn er, oft erst nur für kurze Zeit auch „die perfekte Welle“ spürt. Ich genieße die Dankbarkeit, die ich empfange und ich genieße die Schönheit einer Bewegung die ich selbst hervorgebracht habe.
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Ja, ich liebe den Tanz. Er ist meine Bestimmung. Das ist mir nun klar. Ich wollte nicht tanzen. Ich „musste“ tanzen. So viel zu Inspiration.
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Dass ich im Unterricht viel zu geben habe, verdanke ich natürlich zunächst einmal meinen Trainern. Allen voran möchte ich mich bei Espen Salberg bedanken. Seine Liebe zum Detail, seine Logik und gleichzeitig seine Natürlichkeit faszinierten mich und beeinflussen bis heute meinen Unterricht. Colin James und Lene Mikleson, ebenfalls Schüler von Espen, unterstützten uns mit ihrem Wissen aber sie stellten uns auch jahrelang ihr zu Hause zur Verfügung was uns finanziell gesehen sehr entgegen kam. Zudem hatte wir gute Freunde gefunden und unglaublich viel Spaß bei unseren Trainingslagern in London.
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Ute Streicher und Eugen Fritz öffneten mit ihrer offenen, uneitlen Art Tür und Tor zur großen, weiten Tanzwelt. Wie Eltern, die für ihr Kind das Beste wünschen, gaben sie uns an andere Trainer weiter. Donnie Burns lieferte mir meine Wahrheit für „perfekte Führung“. Ohne Jürgen Neudeck hätten wir niemals bis zum Weltmeistertitel durchgehalten. Er stand uns in unserer schwersten Trainingszeit täglich mit seinem Können und seiner Freundschaft beiseite."

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